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Document Details :

Title: Latijnse hymnen in Middelnederlandse vertaling
Subtitle: Een merkwaardige collectie in hs. Gent, UB 1329
Author(s): DESPLENTER, Youri
Journal: Ons Geestelijk Erf
Volume: 75    Issue: 2-3   Date: Juni-September 2001   
Pages: 236-269
DOI: 10.2143/OGE.75.2.565512

Abstract :
Während im Ausland die mittelalterlichen Übersetzungen lateinischer Hymnen schon einigermaßen untersucht worden sind, waren die mittelniederländischen Fassungen fast nie Subjekt eines Studiums. Zumal größere Sammlungen von Hymnenübertragungen, die auch in unserem Sprachgebiet vor allem im 15. Jahrhundert entstanden, wurden bisher außer Betracht gelassen. Es gibt dennoch äußerst merkwürdige Corpora, wie die in Hs. Gent, UB 1329. Diese fast von keinen anderen Texten unterbrochene Sammlung enthält Prosaübersetzungen von hundert Brevierhymnen – das sind Lieder die im liturgischen Stundengebet gesungen wurden – und ist damit die größte, die wir bis jetzt im Rahmen einer Doktorarbeit inventarisiert haben. Nach einer Gruppe Hymni de Tempore Communes und einer Gruppe Hymni de Sanctis Communes stehen die Übertragungen in chronologischer Abfolge, wobei mit der Adventszeit angefangen und mit dem Fest der heiligen Katharina (am 25. November) abgeschlossen wird. Auf diese Weise bilden die Hymnenübersetzungen einen Tages-, Wochen- und Jahreszyklus.
Nicht nur wegen ihrer Größe ist die Sammlung bemerkenswert. Von verschiedenen lateinischen Hymnen wurde bis jetzt nur in dieser Handschrift eine mittelniederländische Übersetzung angetroffen. Außerdem scheinen auch die Versionen der übrigen Übertragungen nicht weit verbreitet gewesen zu sein. Nur in zwei der bisher inventarisierten Handschriften (Brüssel, KB 21953 und Brüssel, KB II 293) kommt von einigen Hymnen dieselbe Übersetzung vor. Höchstwahrscheinlich haben die drei Manuskripte nichts miteinander zu tun, sondern gehen die gemeinsamen Übertragungen auf die gleiche Quelle zurück. Dabei wäre hs. 1329 möglicherweise am engsten mit der Urtext verwandt. Vermutlich sind die meisten Hymnensammlungen auf dieselbe Weise wie die in Hs. 1329 zu Stande gekommen: ein Gestalter hat eine vorhandene Gruppe von Übersetzungen um Texte anderer Manuskripte ergänzt.
Aus einer Analyse der Übersetzungstechnik geht hervor, daß diese Versionen sehr wortgetreu bleiben und daß es im Stil kaum Variation gibt. Auch zeigt sich an manchen Stellen, daß der Übersetzer der betreffenden Hymne Probleme mit dem bündigen Sprachgebrauch der lateinischen Vorlagen hatte. Deshalb wird so wortgetreu übersetzt, um auf diese Weise wenigstens den tieferen Sinn mitgeben zu können. Es wäre durchaus möglich, daß einige der so schlichten Übersetzungen im Lateinunterricht entstanden sind.
Wenn wir alle Dateien und Ergebnisse verschiedener Analysen zusammennehmen, müssen wir schlußfolgern, daß die Handschrift für eine Süd-(Ost-)Brabanter Frauengemeinschaft nach der Augustinerregel bestimmt war. Da stünde den Schwestern die die offiziele Sprache der Kirche ungenügend beherrschten, die übersetzte Hymnensammlung zur Verfügung, so daß auch sie an den liturgischen Handlungen einigermaßen beteiligt waren.

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